Grundlagen der Biodynamischen Psychologie


Primär- und Sekundärpersönlichkeit
Lebensenergie, Psychoperistaltik und Stethoskop
Die vegetative Selbstregulation
Der vasomotorische Zyklus
Der psychodynamische Prozess
Die Neurose aus biodynamischer Sicht
Auswirkungen abrupter Unterbrechungen des Libidoflusses
Vom Stau zur Libidozirkulation
Abgrenzung der Biodynamik zu anderen Methoden
Die Verantwortung der Therapeutin
Neurosenprophylaxe bei Müttern und Kleinkindern

Der vasomotorische Zyklus:

 

Der vasomotorische Zyklus gehört zum vegetativen oder autonomen Nervensystem.
Ein vasomotorischer Zyklus muss abgeschlossen werden (Ruhezustand – Erregung und Aktion – Ruhezustand), ansonsten gerät der Mensch auf Dauer aus dem Gleichgewicht. Der Stress verbleibt dann im System und kann nicht abgebaut werden.
Die Biodynamik  hilft, die Selbstregulationsfähigkeit so zu stärken, dass vasomotorische Zyklen vollendet werden können. Der vasomotorische Zyklus ist ein Ausdruck der natürlichen Pulsation alles Lebendigen: Auf Anspannung folgt Kontraktion, und daraus folgt Entspannung. Ein vasomotorische Zyklus beschreibt Phasen energetischer, emotionaler und körperlicher Aufladung, Aktivität und Entladung, Entspannung und Erholung. Wir alle leben tagtäglich in unzähligen vasomotorischen Zyklen, die eigentlich zum Abschluss gebracht werden wollen. Zumindestens ein vasomotorischer Zyklus pro Tag sollte zum Abschluss gebracht werden.
Die biodynamische Körperarbeit und Körpertherapie hilft, diese Zyklen zu vollenden, damit die Lebensenergie wieder fliessen kann und wir unsere Lebendigkeit wieder spüren können. 
 

Der vasomotorische Zyklus beginnt mit einem Abfallen der Energie, also auf der parasympathischen Seite. In der Abbildung stehen die rötlichen Farben für die anregenden Aktivitäten des Sympathikus und die blauen Farben für die regenerierenden Aktivitäten des Parasympathikus.

Die Stadien der Energiekurve des vasomotorischen Zyklus sind die folgenden:


PARASYMPATHIKUSSEITE: Ruhezustand, organismische Homöostase: physiologisch - emotionales Gleichgewicht.  
SYMPATHIKUSSEITE: Vorphase/ Alarmphase/ Orientierungsphase: Atmung ist kurz eingeschränkt, Zusammenziehung der Muskeln, Anspannung, Einschätzung des Ereignisses. –

Spannungsaufladungsphase: Stärkere Atmung, Freisetzung von Zucker und Fett, schnellerer Herzschlag, Ansteigen des Blutdrucks, höhere Muskelspannung der Atemmuskulatur, maximale Erweiterung des Brustraumes. Erweiterung der inneren Atemwege, Organstimulierung für Aktion, Adrenalinausschüttung, intensivere Wahrnehmung, Mobilisierung von Gefühlsenergie.
Die Aktivitäts- und Entladungsphase geht über den Zenit hinaus; mit dem Zenit beginnt die PARASYMPATHIKUSSEITE: Vorher mobilisierte Energie wird verbraucht, Brustatmung, Aktion oder Ausdruck der Gefühle. 
Entspannungsphase:
Peristaltik, Ausscheidung und Abtransport von Schlackenstoffen, Harndrang, Weinen, Schlafen, Ausatmung verstärkt, Erregung lässt nach, das erholende System beginnt vermehrt zu arbeiten, Muskelspannung sinkt, emotionale Restspannung. 
Erholungsphase: Abtransport von Schlackenstoffen aus beiden Systemen, leichte Vertiefung von Ein- und Ausatmung, um gasförmige Schlackenstoffe auszuatmen, leichte Beunruhigung, Unsicherheit. 
Wiederherstellungsphase: Ausscheidung der Schlackenstoffe durch Parasympathikus, Ruhigstellung der eben aktiven Organe, tiefere Entspannung, psychophysische Reaktion, Erschlaffung Zwerchfell, Betonung der Bauchatmung, Atemwege enger und Verringerung Sauerstoffzufuhr, ausgeglichener Tonus der Muskulatur, Auflösung der Beunruhigung über Reden, Bestätigung und Zärtlichkeit. 
Ende der Wiederherstellungsphase / organismische Homöostase: Der Zyklus ist gut durchlaufen, wenn alle psychischen Spannungen gelöst sind, das Ereignis integriert, Schlackenstoffe und körperliche Spannung abgebaut worden sind.

  

Das periphere vegetative Nervensystem führt die anregenden, Energie mobilisierenden Impulse über das sympathische Nervensystem und die ausgleichenden und erholenden Impulse über das parasympathische System aus.
Die Aufgabe des vegetativen Nervensystems ist die „automatische“ Steuerung lebenswichtiger Organfunktionen. Im Gegensatz zum willkürlichen Nervensystrem (dem bewussten Willen unterworfene Vorgänge) arbeitet das vegetatative Nervensystem weitgehend ohne Beeinflussung von Willen und Bewusstsein. (Steuerung in Form von Regelkreisen von:  Kreislauf, Atmung, Stoffwechsel, Verdauung, Wasserhaushalt, Sexualfunktionen. Ansatz der Steuerung sind die glatte Muskulatur, der Herzmuskel und die Drüsen.)

>Das vegetative Nervensystem besteht aus den beiden Teilsystemen Sympathikus und Parasympathikus, die oft gegensinnige Wirkungen haben. jedoch beide dem Gesamtwohl des Menschen dienen, nämlich der Bewältigung des Lebens sowie - dazugehörend - der intakten Selbstregulation .
Der Sympathikus arbeitet vor allem bei nach aussen gerichteten Aktionen, der Parasympathikus dominiert bei nach innen gerichteten Aktionen (Essen, verdauen, ausscheiden). Es müssen sich energieverbrauchende und energieliefernde Prozesse, Anspannung und Entspannung die Waage halten.

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Die Folgen von nicht abgeschlossenen Erregungsabläufen (von nicht abgeschlossenen vasomotorischen Zyklen) für Krankheit und Gesundheit des Menschen:
Wird eine körperliche Erregung oder eine Emotion ausgedrückt und entladen und kann sich der Organismus danach vollständig - auch seelisch - entspannen, ist der  vasomotorische Zyklus abgeschlossen und es bilden sich keine seelisch-körperlichen Rückstände (Stoffwechselrückstände).
Wir befinden uns ständig in vasomotorischen Zyklen (Aerger am Arbeitsplatz oder auf den Partner; alle Arten von Aufgaben, die gelöst werden müssen, die Vielzahl von grossen und kleinen Problemen, die bewältigt werden müssen). Wenn Gefühle im Zusammenhang mit dem vasomotorischen Zyklus nicht ausgedrückt werden können, weil sie nicht adäquat scheinen, Erregung und Wut nicht ausgelebt oder in Handlung umgesetzt werden können, bleiben schädliche Stressrückstände im Körper zurück. Mindestens einmal pro Tag sollte ein vasomotorischer Zyklus abgeschlossen werden, da sonst die Gefahr von psychosomatischen, somatischen, seelischen Erkrankungen und Neurosen besteht.

Ist die Entladung, der Ausdruck gehemmt, wie es z.B. bei emotional gehemmten oder stark gestressten oder ängstlichen Menschen der Fall ist, kann der vasomotorische Zyklus nicht abgeschlossen werden. Die Angstkontraktion behindert die notwendige Blutzirkulation zur Entladung folgendermassen: Der steigende Blutdruck in der Alarmphase erzeugt einen starken Druck, der nach emotionaler Entladung drängt. Solange die Entladung nicht stattgefunden hat, bleibt der Blutdruck oben.  Da der Mensch so nicht leben kann, aufgrund der Gehemmtheit oder Angst des Menschen die Entladung aber nicht stattfinden kann, muss der Organismus einen somatischen Kompromiss finden, um den Blutdruck zu senken: Durch Kontraktion der Muskeln,  insbesondere des Zwerchfells, wird die Atmung verlangsamt und die Blutzirkulation eingeschränkt: Die Bewegung, die jetzt hätte sein müssen, wird so zurückgehalten. Das geschieht so, dass im Wesentlichen die gestreifte Muskulatur (Skelettmuskulatur) die Reaktion zurückhält. Die im ausgelösten vasomotorischen Zyklus aufgebaute Energie wird also zum grössten Teil gebraucht, um die muskuläre Kontraktion aufrecht zu erhalten, die die Blutzirkulation und das Ausagieren vermindern soll. Es wird also die Erregungsenergie des vasomotorischen Zyklus zur Unterdrückung des vasomotorischen Zyklus verbraucht. Das Blut wird von den expressiven Körperregionen (Arme, Hände, Beine, Füsse) zu den kontrahierten Muskeln abgezogen ("retrogressive Blutverteilung"). Statt, dass der vasomotorische Zyklus mit einem vollen körperlichen und seelischen Ausdruck, anschliessender Entspannung und Beruhigung beendet wird, gibt es hier nur eine scheinbare Normalisierung mit gravierenden Folgen: Die sympathische Hormonproduktion von Adrenalin und Noradrenalin, die eigentlich durch den emotionalen und körperlichen Ausdruck hätte verbraucht und entladen (Schwitzen, Ausscheidungen) werden sollen, bleibt nun als giftiger Abfall im Körper. Der somatische Kompromiss reduziert zwar den Druck in den Arterien, erzeugt aber eine übermässige Gefässerweiterung in den Kapillaren. In dem die Kapillaren umgebenden Gewebe lagern sich die nicht entladenen Giftstoffe ab. Da die Muskelkontraktion den venösen Abtransport behindert, stagnieren die hormonellen Restprodukte im Gewebe, wodurch der sogenannte Transsudationsdruck entsteht.

Die Psychoperistaltik, die Gerda Boyesen entdeckt hat, hat die Aufgabe, diese giftigen Abfallstoffe zu resorbieren und auszuscheiden, aber bei Menschen mit starkem Angst- oder Schreckreflex überwiegt das Verschlussprinzip. Das bedeutet, dass die Psychoperistaltik mangelhaft arbeitet, und die Giftstoffe nicht oder nicht effizient ausgeschieden werden.

Die biophysische Natur der Neurose:

Das entscheidende Moment in der Entstehung einer Neurose ist nicht unbedingt und alleine die Repression von Handeln, Ausdruck und Gefühlen, sondern die mangelnde Verarbeitung im Darm durch die Psychoperistaltik.
Trotz der behinderten Entladung kommt der Mensch zwar trotzdem allmählich wieder zur Ruhe; die vorangegangene Verdrängung hat aber folgende Konsequenzen:

  
   - Die Einatmung wird schwächer
     - Leichte Spannung von Muskeln und Gefässen ( Dystonie)
     - Eine Schicht hormoneller Restprodukte

Dies ist nach Gerda Boyesen die Entstehungsgeschichte und allgemeine biophysische Struktur der Neurose. 
Die Muskelkontraktion, die ganz entscheidend die Vorgänge des nicht beendeten vasomotorischen Zyklus reguliert, führt zu einer mehr oder weniger massiven Bewegungseinschränkung  des Körpers. Die Aufhebung dieser Bewegungseinschränkungen ist eines der wesentlichsten Ziele der Biodynamik. Wenn der blockierte Kreislauf wieder aktiviert wird in einer Atmosphäre der Sicherheit und der Zuwendung, kann sich der vasomotorische Zyklus vervollständigen, und die Restspannung kann abgebaut werden.